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  • Sarah Mibus

Wie funktioniert eine Stammzelltransplantation?

Aktualisiert: 16. Juni 2019


Urs ist Arzt und hat acht Monate lang auf einer Transplantationsstation gearbeitet

"Hallo ich bin Urs, ich bin 29 Jahre alt, arbeite in Hannover in der Medizinischen Hochschule und habe selbst einen Teil meiner Assistenzarzt-Zeit auf einer Stammzelltransplantationsstation verbracht. Acht Monate hatte ich mit Patienten zu tun, die eine solche Spende bekommen haben."


Kannst Du uns erstmal bitte erklären, was genau bei Blutkrebs überhaupt passiert? Was läuft da falsch im Körper?

Der Mensch ist ein Wunderwerk. Dass alles so funktioniert wie es funktionieren soll ist abhängig von den Bauplänen, die den Zellen sagen, was sie einmal werden sollen. Wenn dieser Bauplan an irgendeiner Stelle durcheinander gerät, dann gibt es Chaos. Eine Folge von diesem Chaos kann dann sein, dass Krebs entsteht.

Beim Blutkrebs im Speziellen verliert eine Blutzelle ihren korrekten Bauplan. Entweder kann sie sich nicht mehr rechtzeitig durch frischere Zellen ersetzen lassen oder sie gewinnt die Fähigkeit sich ungehindert zu teilen. Das nennen wir dann Blutkrebs. Während sich diese kranken Zellen unkontrolliert vermehren, werden die gesunden Zellen unterdrückt. Dies führt dann zu großen Problemen: Der kranke Körper hat nicht nur eine schwächere Infektabwehr, sondern durch die Behinderung von Blutplättchen (Thrombozyten) auch eine erhöhte Gefahr für Blutungen, bzw. durch verminderte rote Blutkörperchen (Erythrozyten) einen schlechteren Sauerstofftransport durch den Körper. Der Patient spürt Schwäche, Kopfschmerzen, Herzrasen. Kann die Vermehrung der bösartigen Blutzellen nicht rechtzeitig behandelt werden, können diese Komplikationen zum Tod führen.


Wie sieht eine typische Behandlung bei einem Blutkrebs Patienten aus?

Als ersten Schritt werden Informationen gesammelt, die möglichst genau sein müssen, da man heutzutage sehr gezielt therapieren möchte und auch kann. Früher ist der Arzt ans Regal getreten und hat alle ihm möglichen Medikamente zusammengemixt. Da sind wir zum Glück heute schon weiter und können die Nebenwirkungen so gut es geht reduzieren. Das gezielte Therapieren funktioniert erst, wenn man genau weiß, wer der Gegner ist. Die Chemotherapie ist dann ein nächster Schritt, die über mehrere Stufen gehen kann. Bleibt die Chemotherapie erfolglos, kann es zur Stammzellspende kommen, für die auch erstmal ein passender Spender gefunden werden muss.


80% der Spenden werden direkt über das Blut entnommen. Ich gehörte zu den übrigen 20% und wurde zur Knochenmarkspende gebeten. Dabei haben die Ärzte mir in einer kurzen OP den Beckenkamm punktiert um dort das Knochenmark rauszuholen. Warum gehen die an den Beckenkamm?

Das Knochenmark ist der Bildungsort der Blutzellen und je nachdem wie alt man ist, sitzt das an verschiedenen Stellen im Körper. Je jünger man ist, desto mehr Stellen findet man im menschlichen Körper, wo diese Blutbildung stattfindet. Bei jüngeren Menschen sitzt das Knochenmark zum Beispiel auch im Brustbein. Für einen Erwachsenen ist es am risikoärmsten, den Beckenkamm zu punktieren und für die Ärzte ist dieser Knochen am Leichtesten zu erreichen.


Nach meiner Spende haben viele Leute zu mir gesagt: "Mensch, Sarah, jetzt hast Du richtig toll Rückenmark gespendet". Ein weit verbreiteter Irrtum! Einer meiner meistgesagtesten Sätze 2018 war wohl "Ich habe Knochenmark gespendet, kein Rückenmark". Könnte man überhaupt irgendwas mit einer Rückenmarkspende anfangen?

(Lacht) Das wäre eine Katastrophe, denn dann könntest Du nicht vor mir sitzen. Wenn Du einen Liter Rückenmark spenden würdest, hättest Du wahrscheinlich gar kein Gehirn mehr, mit dem das ja verbunden ist. Das Knochenmark ist der Bildungsort für die Blutzellen und sitzt im Beckenkamm. Das Rückenmark bleibt wo es ist.


Den meisten Spendern werden die Zellen übers Blut entnommen, das ist dann wie eine Art Blutwäsche. Hierfür muss man im Vorfeld Medikamente nehmen. Kannst Du uns das genauer erklären?

Bei den peripheren Stammzellspenden wird Blut über die Vene abgenommen. Dabei werden die Stammzellen rausgefiltert. Das kann aber nur passieren, wenn dort auch Stammzellen schwimmen. Und da sie da eigentlich gar nicht reingehören, müssen wir sie vor der Entnahme auffordern und dahinschicken. Das machen wir mit dem Medikament, welches sich die Spender vor der Entnahme selbst spritzen. Die benötigten Zellen bekommen so ein Signal und schwimmen aus dem Knochenmark in die Blutbahn und verteilen sich im Körper. So kommen wir Ärzte dran!


Dr. Urs Mücke, 29

Welche Nebenwirkungen haben die Medikamente?

Manche merken davon gar nichts, einige fühlen sich dadurch ein wenig schlapp. In der Regel sind das grippale Symptome wie Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Gliederschmerzen. Diese lassen aber bei den allermeisten direkt nach der Zellentnahme nach. Ob Knochenmark- oder Zellentnahme über die periphere Blutbahn: Allgemein stecken das die Spender sehr gut weg und sind schon nach kurzer Zeit wieder auf den Beinen.


Ok, spielen wir das Szenario mal durch: Patient erkrankt an Leukämie, bekommt verschiedene Chemotherapien, die ihn/sie nicht heilen, genetischer Zwilling gesucht und gefunden, Transplantat ist auf dem Weg. Wie wird der Patient auf die unbekannten Zellen vorbereitet?

Der Patient wird über mehrere Tage konditioniert. Das heißt, er oder sie wird auf die sehr, sehr ähnlichen Zellen vorbereitet, die aber meist nicht zu 100% passen. In dieser Vorbereitungszeit wird das Immunsystem gebremst, damit es die fremden Zellen annimmt und nicht abstösst. Diese Phase kann sehr gefährlich sein, deshalb liegen die Patienten meist alleine im Zimmer um jedes Risiko zu minimieren. Hier gibt es dann ganz strenge Hygieneregeln. Die Patienten sind in dieser Situation dann zeitnah auf die Spende angewiesen, sonst hätten sie ein sehr großes Problem.


...deshalb bin ich die Tage vor meiner Knochenmarkentnahme kein Fahrrad mehr gefahren, sicher ist sicher! Wie geht es für den Patienten weiter?

Die Transplantation selbst ist wahnsinnig unbeeindruckend. Ich habe viele kranke Kinder begleitet, da waren die Familien dann meist mit im Zimmer als es los ging. Das Transplantat ist ein einfacher Beutel, der frisch vom Spender kommt. Diese werden den Patienten dann über einen Zugang direkt in die Blutbahn gegeben und die finden dann von alleine ihren Weg ins Knochenmark. Wenn alles gut geht, nehmen sie dort ihre Funktion auf.


Was kann alles schief gehen?

Der Empfänger könnte allergisch reagieren, das heißt der Körper erkennt, dass hier etwas Fremdes im Blut ist. Das restliche Immunsystem kann beispielsweise mit Fieber und Schüttelfrost darauf antworten, was für den bereits geschwächten Körper dann sehr anstrenged ist. Wenn aber alles so läuft wie geplant, dann heißt es jetzt für den Patienten noch mal geduldig sein. Die Tage nach der Transplantation sehen genauso aus wie davor und sind geprägt von Medikamenten und Warten, bis die neuen Blutzellen angewachsen sind.


100 Tage nach meiner Spende habe ich von der DKMS eine Nachricht bekommen in der stand, dass es meinem genetischen Zwillingsmädchen den Umständen entsprechend gut geht und sie auf dem Weg der Besserung ist.

Nach diesen ersten 100 Tagen haben wir schon viele Antworten auf wichtige Fragen: Welche Nebenwirkungen treten auf? Wächst das Transplantat richtig an? Kommt es zum gefürchteten Wettkampf zwischen Transplantat und Empfänger? Nach diesen ersten drei Monaten kann man eine erste Prognose über den Erfolg stellen.


Vielen Dank für Deine Zeit, Urs. Letzte Frage: Bist Du selbst auch als Spender registriert?

Klar!


Habt Ihr Fragen an Urs? Dann her damit! Wir versuchen, sie im nächsten Interview zu beantworten! mail@einbisschenhoffnung.de


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